
Verlag Knaur, 2020, erhältlich als EBook sowie als Hörbuch in allen Buchhandlungen und online z.B. bei Amazon.
Inhaltsangabe
Die Geschichte beginnt in Gießen bei der Beerdigung von Georg von Bergh, einem angesehenen Mathematikprofessor. Seine Ehefrau Almut, Ende 70, nimmt Abschied von ihrem Mann, als sie auf Anne und Christine trifft.
Schnell wird klar, dass die drei Frauen eine gemeinsame Vergangenheit haben: Jede von ihnen stand Georg auf ihre Weise nahe. Almut war mit ihm verheiratet, Anne war seine Doktorandin und Christine seine Geliebte. Was zunächst wie eine peinliche und schmerzhafte Begegnung wirkt, entwickelt sich zu einer schonungslosen Enthüllung von Georgs Doppelleben.
Die drei Frauen erkennen, dass sie von ihm getäuscht wurden. Statt sich gegeneinander auszuspielen, beschließen sie, gemeinsam zu handeln: Sie entführen Georgs Urne und bringen seine Asche nach Amrum. Dort wollen sie ihm den Abschied bereiten, den sie für richtig halten und zugleich selbst Abstand gewinnen.
Die Reise an die Nordsee wird zu einem Wendepunkt. Zwischen Gesprächen, Streit, Erinnerungen und humorvollen Situationen lernen sich Almut, Anne und Christine immer besser kennen. Aus drei Betrogenen wird eine Schicksalsgemeinschaft, aus der schließlich eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht.
Die drei Hauptfiguren
Almut, die Ehefrau
Almut ist Ende 70 und hat einen großen Teil ihres Lebens mit Georg verbracht. Sein Tod bedeutet für sie nicht nur Trauer. Vielmehr muss sie sich fragen, wie gut sie ihren Mann tatsächlich kannte und welchen Platz sie selbst in ihrem bisherigen Leben eingenommen hat. Dabei bleibt Almut keine passive ältere Frau, die sich in ihr Schicksal fügt. Im Gegenteil: Die Reise nach Amrum zeigt, dass sie durchaus entschlossen, mutig und eigenwillig handeln kann.
Almut entwickelt sich im Laufe der Handlung von der betrogenen Ehefrau zu einer Frau, die ihre eigene Sicht auf Georg und ihre gemeinsame Vergangenheit zurückgewinnt.
Anne, die Doktorandin
Anne ist Mitte 40 und steht beruflich wie privat an einem anderen Punkt als Almut und Christine. Als Doktorandin war sie Georg fachlich verbunden und hat ihm auch menschlich vertraut. Die Begegnung mit den beiden anderen Frauen zwingt Anne dazu, ihre Beziehung zu Georg neu zu bewerten. Sie erkennt, dass auch sie Teil seines Geflechts aus Geheimnissen und Täuschungen war. Gleichzeitig bringt sie eine jüngere Perspektive in die Gruppe ein und steht für einen Lebensabschnitt, in dem viele Entscheidungen noch offen sind.
Christine, die Geliebte
Christine ist Anfang 60 und hat eine besonders schwierige Position: Sie war Georgs Geliebte und muss erkennen, dass ihre Beziehung für ihn offenbar nur ein Teil eines größeren Doppellebens war. Ihre Figur zeigt, dass auch eine außereheliche Beziehung nicht einfach als „Schuld“ oder moralischer Fehltritt abgetan werden kann. Christine hat geliebt, gehofft und vertraut. Ihre Verletzung ist ebenso ernst zu nehmen wie die von Almut und Anne.
Gerade durch ihre unterschiedlichen Erfahrungen entsteht zwischen den drei Frauen ein ehrlicher Austausch. Sie entdecken, dass sie nicht nur durch Georgs Betrug verbunden sind, sondern auch durch ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen.
Zentrale Themen
Alter und Selbstbestimmung
Ein besonderer Reiz des Romans liegt darin, dass eine Frau Ende 70 im Mittelpunkt steht und nicht auf die Rolle der trauernden Witwe reduziert wird. Almut ist verletzt, aber nicht gebrochen. Sie ist neugierig, entscheidungsfähig und bereit, sich auf ein ungewöhnliches Abenteuer einzulassen.
Der Roman zeigt auf humorvolle Weise, dass Lebensveränderung und Selbstbestimmung keine Frage des Alters sind. Auch nach langen gemeinsamen Jahren kann ein neuer Lebensabschnitt beginnen.
Liebe und Betrug
Georgs Verhalten wirft die Frage auf, wie viel Wahrheit eine Beziehung braucht. Was bleibt von einer Liebe, wenn sich herausstellt, dass wichtige Teile der gemeinsamen Geschichte auf Täuschung beruhten?
Dabei verurteilt der Roman seine Figuren nicht vorschnell. Er zeigt vielmehr, wie kompliziert Beziehungen sein können und dass Menschen gleichzeitig lieben, lügen, hoffen und scheitern können.
Freundschaft zwischen Frauen
Ausgerechnet Georgs Betrug führt die drei Frauen zusammen. Was zunächst wie eine unangenehme Begegnung aussieht, entwickelt sich zu einer ungewöhnlichen Freundschaft.
Almut, Anne und Christine sind sehr verschieden. Gerade deshalb ergänzen sie einander. Jede bringt ihre eigene Lebenserfahrung und Sichtweise mit. Gemeinsam gelingt es ihnen, aus einer schmerzhaften Situation etwas Neues entstehen zu lassen.
Humor als Befreiung
Trotz des ernsten Ausgangspunkts ist der Roman von viel Humor geprägt. Die Entführung der Urne ist bereits eine skurrile Idee, und auch die Reise nach Amrum sorgt für zahlreiche ungewöhnliche Situationen.
Der Humor nimmt den Schmerz nicht weg, aber er verändert den Blick darauf. Die drei Frauen lachen, streiten und handeln manchmal spontan oder unvernünftig. Dadurch wirken sie lebendig und menschlich. Humor wird zu einer Form der Selbstbehauptung und zu einem Weg, sich aus Georgs Einfluss zu lösen.
Amrum als Schauplatz
Die Reise nach Amrum ist nicht nur eine Flucht vor der Beerdigungssituation. Die Insel wird zum Ort des Abschieds und der Neuorientierung.
Das Meer, der Wind und die Weite bilden einen starken Kontrast zu den beengenden Erfahrungen mit Georg. Während die drei Frauen unterwegs sind, kommen immer mehr Wahrheiten ans Licht. Amrum wird damit zu einem symbolischen Ort: Hier können sie zurückblicken, loslassen und sich fragen, wie es für sie weitergehen soll.
Die Nordseeatmosphäre verleiht der Geschichte außerdem eine besondere Leichtigkeit. Zwischen Insel, Strand und Meer entsteht Raum für Gespräche, neue Gedanken und überraschende Nähe.
Schreibstil und Lesegenuss
Corinna Vossius schreibt liebevoll, heiter und scharfzüngig. Die Sprache sorgt für einen angenehmen Lesefluss. Besonders die Dialoge machen Freude, weil die drei Frauen ihre Verletzungen nicht nur ernst, sondern teilweise auch mit Ironie und trockenem Humor betrachten.
Der Roman verbindet emotionale Themen mit unterhaltsamen Szenen. Betrug, Trauer und die Neuordnung eines ganzen Lebens werden nicht schwermütig erzählt, sondern mit einer guten Portion Leichtigkeit und Selbstironie.
Die Geschichte liest sich leicht und bringt immer wieder zum Schmunzeln. Gerade diese Mischung aus ernsten Fragen, skurrilen Einfällen und warmherziger Figurenzeichnung macht den Roman zu einem passenden Buch für entspannte Lesestunden.
Schreibstil: liebevoll, heiter, scharfzüngig und lebensnah
Lesbarkeit: leicht zugänglich und flüssig zu lesen
Gesellschaftlicher Kontext
Der Roman stellt auch die Frage, welche Erwartungen an Frauen in unterschiedlichen Lebensphasen gestellt werden. Almut, Anne und Christine entsprechen nicht einfach den üblichen Rollenbildern von Ehefrau, Geliebter und jüngerer Frau.
Alle drei müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, wer sie unabhängig von Georg sind. Dabei geht es nicht nur um seine Untreue, sondern auch um die Lebensentwürfe, die sie selbst gewählt oder vielleicht zu lange hingenommen haben.
Gerade Almut ist in diesem Zusammenhang eine interessante Buchheldin60plus: Sie darf wütend, neugierig, unvernünftig und abenteuerlustig sein. Der Roman gibt ihr und den anderen Frauen die Möglichkeit, sich neu zu definieren.
Mein persönlicher Eindruck
„Die Witwen meines Mannes“ ist ein Roman, der mich vor allem durch seine ungewöhnliche Ausgangssituation angesprochen hat. Drei Frauen begegnen sich bei der Beerdigung desselben Mannes und müssen feststellen, dass Georg sie alle getäuscht hat. Diese Konstellation ist ebenso verblüffend wie vielversprechend.
Besonders interessant fand ich, wie sich die Beziehung zwischen Almut, Anne und Christine entwickelt. Statt dauerhaft in Konkurrenz zueinander zu stehen, entdecken die drei Frauen Gemeinsamkeiten und beginnen, sich gegenseitig zu unterstützen. Ihre Reise nach Amrum wird dadurch zu einer befreienden Bewegung weg von Georg und hin zu einem neuen Miteinander.
Almut ist für mich eine ungewöhnliche und sympathische Buchheldin60plus. Sie zeigt, dass man sich auch im hohen Alter noch auf ungeplante Abenteuer einlassen kann. Ihre Geschichte macht Mut, nach einer Enttäuschung nicht stehen zu bleiben, sondern das eigene Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Fazit und Empfehlung
„Die Witwen meines Mannes“ von Corinna Vossius ist ein unterhaltsamer und warmherziger Roman, wie geschaffen für Mußestunden..

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